Baskenmütze & Baguette
Metaphern aus der Literatur sind immer schön. Bruno Latour in der FR zum Kopftuch-Streit in Frankreich:
Das kollektive Unbewusste, das muss man schon sagen, hat eine vortreffliche Wahl getroffen: Was für ein wunderbares Stück Stoff mit all diesen Falten, Windungen und Verstecken! Die jungen Mädchen, die seit Jahrzehnten unter ihrer ununterbrochenen Diskriminierung leiden, werden endlich im öffentlichen Leben wahrgenommen dank ihres Kopftuches, das ihre Haare und manchmal auch ihr Gesicht versteckt. Und wie reagiert die alte Republik darauf? “Nehmt eurer Kopftuch ab, hinter dem ihr euch versteckt, damit ihr wieder unsichtbar werdet und damit wir, die guten Franzosen, uns wieder die Augen verschleiern können angesichts des Ausmaßes an Diskriminierung, das ihr erleidet! Ihr habt die Wahl: Entweder ihr werdet wahrgenommen, indem ihr euch verschleiert, dann schließen wir euch aber von der Schule aus; oder ihr nehmt das Kopftuch ab und werdet wieder unsichtbar, damit wir euch wieder ausschließen können und es nicht einmal merken, weil wir euch ja gar nicht wahrnehmen.” Das ist wie Tartuffe und noch ausgekochter als Tartuffe: “Verschleiert dieses Kopftuch, das zu sehen ich nicht ertrage, damit ich Euch wie zuvor nicht bemerken kann.” Wenn die Metapher des Tuches etwas kaschiert, dann nicht nur den möglichen Archaismus einer Religion, sondern vor allem die Verdrängung einer politischen Aufgabe, die jedem wirklichen Verfechter der Republik obliegt.
via Frankfurter Rundschau online
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