Wie seriös ist die Wikipedia?

Bei Klaus Eck findet sich ein Hinweis auf ein interessantes Interview (mp 3) mit Maren Lorenz von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur zum Thema Wikipedia. Mittlerweile wird von einem “Leitmedium Wikipedia” gesprochen, das inzwischen offensichtlich häufiger in wissenschaftlichen Hausarbeiten zitiert wird. Maren Lorenz warnt vor der mangelnden Seriosität der Wikipedia.
Einerseits kann man ihr Recht geben.

Denn was fehlt der Wikipedia?

  • ein wirkliches Qualitätsmanagement, das auch abseits der ausgetretenen Pfade deutlich über das Löschen frühkindlicher oder pubertärer Schreibversuchen hinausgeht
  • der vielbeschworene neutrale Standpunkt – dieser geht einigen Artikeln deutlich ab
  • mehr Editoren auch für die weniger beachteten Artikel
  • Transparenz – so werden Löschanträge von Administrator A gestellt, der Antrag wird von der überwiegenden Mehrheit in der entsprechenden Diskussion abgelehnt, und Administrator B löscht den Artikel dennoch aus ganz anderen Gründen
  • klarere Relevanzkriterien für einen Löschantrag

Andererseits kommt man kaum an der Wikipedia vorbei. Was sollte man seinen Schäflein wie Schülern, Studenten oder Wissenschaftlern dann zumindest einbleuen?

  • den richtigen und differenzierten Umgang mit der Wikipedia (hatten wir schon, siehe hier). Maren Lorenz nennt so etwas “Recherchekompetenzen”.
  • Wikipedia-Artikel haben grundsätzlich nicht mehr Wahrheits- oder Vollständigkeitsanspruch als der Brockhaus oder andere Lexika – für eine gute wissenschaftliche Arbeit kann das ein Aufmacher sein, mehr aber nicht
  • nützlich ist die Wikipedia bei tagesaktuellen Themen oder bei der Suche nach weiterführenden Links
  • einige Artikel beinhalten inzwischen auch Hinweise auf Literatur, die nicht im Internet verfügbar ist – mag mühsam sein, diese aus der Bibliothek zu besorgen oder zu bestellen, sie stehen aber nicht umsonst im Artikel
  • Artikel aus der Wikipedia wenn schon, dann richtig zitieren (also inklusive Seitenversion und Zeit)
  • bei Themen jenseits des Mainstreams ist die Wikipedia mit äußerster Vorsicht zu genießen
  • Ähnliches gilt für verschiedene politische Themen oder auch dort, wo Interpretation Teil der Disziplin ist – z. B. in der Literaturwissenschaft.
  • Harte Fakten (Jahreszahlen) müssen gegengeprüft werden. Entweder über die Versionsgeschichte oder über externe Quellen. Wäre doch peinlich, einem Scherzbold auf den Leim zu gehen…

Möchte man einen Wikipedia-Artikel kritisch lesen – mit Versionsvergleichen und Verfolgen der Diskussion – steigt der Zeitaufwand natürlich deutlich. Aber Wissen hat nun einmal seinen Preis.

# · 16. Mai 2007, 08:02 · 376 Wörter
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4 Kommentar(e) · Kommentieren!

Kommentare

  1. Ben - 23. Mai 2007, 14:47

    Dem letzten Absatz stimme ich definitiv zu!


  2. Torsten - 24. Mai 2007, 08:51

    Danke, danke.


  3. Kathrin - 31. Mai 2007, 17:49

    Maren Lorenz ist Wikipedia-Kritikerin. Ich habe sie anlässlich des Werkstatt-Gesprächs über Wikipedia an der Universität Basel erlebt. Allerdings ist ihre Darstellung ein wenig einseitig. Wikipedia ist nicht nur “ungesichertes Wissen”, sondern birgt auch viele Chancen wie die der kollektiven Intelligenz. Jan Hodel plädierte beispielsweise für mehr Medienkompetenz besonders im Unterricht, so dass der Umgang mit dem Medium “Wikipedia” verantwortungsvoll geschieht und die Recherche nicht bei Google endet.


  4. Manuela - 20. August 2007, 18:37

    Kann ich nur bestätigen. Ganz aktuell unter Google aufgestöbert:

    http://www.psychophysik.com/h-blog/?p=84

    (... ist zwar etwas verworren … die Lektüre lohnt sich jedoch)

    Liebe Grüße

    Manuela


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