Taggen, aber sinnvoll - oder: Folksonomy und Tagsonomy für Dummies
Zu den Möglichkeiten, die del.icio.us, Flickr und neuerdings auch Technorati bieten, zählt das Taggen. Man kann es auch »Schlagwörter zuordnen« nennen. Eine Tätigkeit, die auf den ersten Blick einfach ausschaut, ist es auf den zweiten gar nicht mehr so. Denn gleich mehrere Fragen stellen sich.
Diese Punkte möchte ich gerne anhand eines Beispiels für del.icio.us durchspielen: Ein Benutzer findet die Seiten des Literaturverwaltungsprogramms JabRef. Dieses Programm ist zugleich ein Frontend für BibTex. Es hat verschiedene Import- und Exportformate.
Deutsch oder Englisch oder…?
Schon zu Beginn stellt sich die Frage: in welcher Sprache tagge ich denn nun? Die Mehrzahl der Nutzer von del.icio.us wird hemmungslos anglophil sein. Das ist jedoch kein wirkliches Argument.
Zwar ist es richtig, dass unter einem möglichen anglophilen Tag bibliography (noch) mehr zu finden ist als unter dem germano-französischen bibliographie – andererseits wird mit steigenden Nutzerzahlen die Sprachenfrage immer wichtiger werden. Benutze ich den zweitgenannten Begriff, kann ich sicher sein, in meinem semantischen Netz fast nur auf deutsche Benutzer aufzufinden. Ich werde dort wahrscheinlicher Hinweise auf Anwendungen und/oder Lesezeichen finden, die deutschsprachig sind (sofern ich diesem Punkt Bedeutung zumesse). Welchen Sinn sollte es machen, die deutschsprachige OpenOffice-Seite mit englischsprachigen Tags zu versehen?
Eine endgültige Antwort, geschweige eine Empfehlung, welche Sprache man wählen sollte, kann hier nicht gegeben werden.
Welche Tags nehme ich denn nun?
Nehmen wir an, dass sich der Benutzer für die deutschsprachigen Tags entscheidet. Zu den möglichen Schlagwörtern zählen programm, microsoft, linux, mac, java, bibtex, bibliographie.
Schön.
Nur, könnte ich anstelle von programm nicht auch programme benutzen? Oder warum nicht gleich das bereits stark eingedeutschte software? Statt mac macintosh (Beispiel von Adam Mathes)?
Andererseits werde ich auf das Schlagwort bibtex gerne verzichten, wenn LaTeX für mich keine Rolle spielt, oder wenn mir diese Programmfunktion unbekannt bleibt. Ähnliches gilt für linux, falls ich zu Lebzeiten nicht vorhabe, das Betriebssystem meiner Wahl aufzugeben. Und warum nicht gui?
Im Zweifelsfall kann ich als Nutzer überprüfen, ob und womit andere Nutzer eine Seite getaggt haben – auch im Fall JabRef. Die Liste der common tags (rechts) zeigt dabei die gemeinsam benutzten Tags an.
Tags als Ergebnis eines Schaffensprozesses
Welche Tags nun wirklich für den einzelnen Benutzer wichtig sind, und welche nicht, wird sich im Laufe der Zeit entwickeln. Das neue, hoffentlich nicht nur experimentelle del.icio.us-Interface (ich berichtete) unterstützt den Benutzer bei dem Versuch, bestimmte, bereits vorhandene Tags zu benutzen, populäre Tags anderer Bentzer zu wählen, seine Tags zu ordnen und Doppelnennungen (also programm und programme) zu vermeiden. Man muss sich klar sein, dass Tags im Prinzip zwei Funktionen haben:
- eine Ordnungsfunktion für den Benutzer – hier sind auch Egotags einzuordnen, egal ob verständlich (to:blog oder, sehr beliebt, toread) oder enigmatisch.
- eine Ordnungsfunktion für die Gemeinschaft – so z. B. sehe ich hier sehr schnell, ob und was ein bzw. alle Benutzer zum Tag webdev verlinkt hat. Wobei es zu Überschneidungen wie im Falle von filtering kommen kann (das Beispiel kommt ebenfalls von Adam Mathes).
Trotz des starken anarchischen Zugs funktioniert das Prinzip Tagging. Dies liegt zum einen an der sehr hohen Zahl von Benutzern, zum andern an der relativ starken Fähigkeit vieler Nutzer, trotz kreativer Breite nachvollziehbare Tags zu benutzen.
Die hier aufgeworfenenFragen sind hauptsächlich taxonomischer Natur. Ob man das neugeborene Kind dann folksonomy oder tagsonomy nennt, sei dahingestellt. Ich habe mit diesem Artikel einfach nur versucht, diese theoretischen Fragen durch ein wenig Praxisbezug aufzuhellen.
Weitere Links zum Thema
- »Folksonomy«, in: Wikipedia (en) lesen
- Breuer, Marcus, »Tagging, akademisch betrachtet« lesen
- Breuer, Marcus, »Tagging, Social Software, Folksonomy …« lesen
- Jacob, Elin K., »Classification and categorization: a difference that makes a difference«, in: Library Trends, Winter 2004 lesen
- Mathes, Adam, »Folksonomies – Cooperative Classification and Communication Through Shared Metadata« lesen
(Die Linkadressen sind einfach deswegen nicht im Volltext angegeben, damit sie das Layout nicht sabotieren).
roxomatic

Trackback von Blog Age:
Hintergrund: Sinnvolles Tagging
Ok, seit es Sammlungen wie "del.icio.us" und "flickr" gibt, hat Tagging Hochkonjunktur. Auch ich liebe Tag-Wolken. Doch die können schnell unüberischtlich werden. auch Sieben grundsätzliche Anmerkungen zum Thema.