MemoQ

Bei Ungarn denken die meisten von uns an Gulasch, Puszta und Piroschka. Zumindest Übersetzern sollte bei diesem Stichwort einfallen, dass von dort eine CAT-Software kommt, die es im Funktionsumfang und Leistungsfähigkeit mit den Big Playern wie Trados und Déjà Vu aufnehmen kann: MemoQ, entwickelt vom kleinen, aber feinen Unternehmen Kilgray.

MemoQ erinnert mit seiner Oberfläche ein wenig an Déjà Vu und SDLX, ist aber eine Entwicklung mit eigenständiger Konzeption. Die Chefentwickler – Balázs Kis, István Lengyel und Gabór L. Ugray – legen großen Wert auf die Möglichkeit, MemoQ auch serverunterstützt zu betreiben. Dadurch ist MemoQ für Agenturen eine attraktive Alternative zu den bestehenden Lösungen. Ich habe mir die Freelancer-Version angeschaut.

Was kann MemoQ?

  • Bearbeiten von folgenden Formaten: Office (doc, ppt, xls), InDesign (INX), Framemaker (MIF), HTML, XML, Textdateien sowie präsegmentierte ttx- bzw. zweisprachige RTF-Dateien (hinzu kommen einige andere, seltenere Formate).
  • Alignment: Erfassung eines Quell- und Zieldokuments in eine Translation Memory (kurz TM).
  • Umfassendes Termbase- und TM-Management, Einlesen von CSV und TMX-Dateien möglich, Benutzen mehrerer Termbases oder TMs möglich.
  • umfassend konfigurierbare Statistik-Funktionen nach Art von MemoQ und im Trados-Stil (der Unterschied wird in der Hilfe erklärt)
  • MemoQ soll auf Intel-Macs und auf allen Os mit allen Arten von Virtual Machines laufen (da NET 2.0 benötigt wird, bin ich für Linux aber ein wenig skeptisch) – beides habe ich nicht getestet.

Wodurch hebt sich MemoQ von anderen Lösungen ab?

Für die Macher von MemoQ sind einzelne Übersetzer und die Gemeinschaft besonders wichtig. Das bemerkt man an

  • einer ausführlichen Programmbeschreibung und FAQ bei Wikibooks (sicherlich noch ausbaufähig, bereits jetzt einschließlich einer Wishlist).
  • einer Yahoo-Mailingliste, an der die Entwickler sehr aktiv teilnehmen, sich jedes Problems annehmen und auch umgehend Lösungen präsentieren.
  • Entwicklungstempo und -qualität gerade im Vorfeld der just präsentierten Version 2.2 sind äußerst beeindruckend.

Daneben gefallen folgende Punkte

  • weitgehende Einstellungen u.a. für Filter, Segmentierung und Autotranslatables möglich.
  • alle Tastaturkürzel können angepasst werden.
  • parametrisierte oder individuelle Einstellung und Anpassung der Exportverzeichnisse möglich.
  • sehr intuitiv gestaltete Oberfläche, Unterstützung des üblichen Workflows beim Anlegen von Projekten
  • Anzeige des prozentualen Fortschritts – projekt- und dokumentbezogen (nach Segmenten)
  • gleichzeitiges Öffnen mehrerer Dokumente möglich (Anordnung mit Reitern)
  • Semi-WYSIWYG-Oberfläche, das heißt, es gibt die Möglichkeit, fetten, kursiven oder unterstrichenen Text sofort im Programm zu erkennen und/oder zu erstellen.
  • Sortieren und Filtern der Übersetzungseinheiten (Quell- oder Zieltext von A-Z, nach Länge oder Begriffen) – das ist eine geniale Funktion, die mit Version 2.2 eingeführt wurde (dieses Feature gibt es auch in DVX). Funktioniert auch dokumentübergreifend (sogenannte Views).
  • MemoQ ist vergleichsweise schnell (nach Aussagen Dritter auf der Liste v.a. beim Import von TMs).
  • Kontextsensitive Matches. Das heißt, es gibt 100%-Matches, wenn die Quellsegmente gleich sind, und 101%-Matches, wenn nicht nur die Quellsegmente, sondern auch ein benachbartes Quellsegment gleich sind. Mathematisch betrachtet ist das Schwachsinn, aber Übersetzer sind ja keine Mathematiker und irgendwie muss man ja die beiden Fälle auseinander halten. Auf jeden Fall ist das eine nerven- und zeitschonende Funktion.
  • der Preis ist schlichtweg attraktiv. Man bekommt MemoQ entweder in der Version 2.0 als Postcardware und bekommt die nächsthöhere Version 2.1 für 99 Euro. Oder man investiert 399 Euro und erhält sein Leben lang Upgrades. Ein Schnäppchen geradezu und eine Aufforderung an überzeugte DVX- oder Trados-Nutzer, sich evtl. ein Zweit-CAT zuzulegen. Wem dieser Preis hoch erscheint, sollte sich die Preise für andere CAT-Tools anschauen, vor allem die Preise für jährliche Updates. Wäre ich ein böser, lästerhafter Mensch, würde ich behaupten, dass MemoQ die erste professionelle CAT-Lösung ist, die sich auch Literaturübersetzer (der ich nicht bin…) leisten können.
  • die voll funktionsfähige Demoversion hat eine Laufzeit von 90 Tagen – hier ist man der Konkurrenz deutlich voraus (meines Wissens bietet nur Metatexis 60 Tage, alle anderen Anbieter 30 Tage). Danach läuft eine freie Version weiter, die aber nur ein Dokument mit einer TM zulässt – für sehr kleine Übersetzungen immer noch ein gangbarer Weg.

Was fehlt?

Schwierige Frage, das ist nämlich abhängig davon, welches Programm man bis dato benutzt hat.

  • Etwas mehr Projektmanagement wie bei across wäre hilfreich für Leute, die sich einbilden, multitaskingfähig zu sein (z. B. Kalender- und Notizfunktionen)… die Lösung für Agenturen soll dahingehend etwas bieten.
  • leichterer Umgang mit Tags in ttx-Dateien (soll mit Version 2.3 kommen)
  • ähnlich schwierig ist der (in meinem Falle seltene) Umgang mit äußerst stark formatierten Texten, vor allem, wenn Tags umgestellt werden müssen (für richtiges Layout gibt es ja auch eigentlich Adobe InDesign (inx) und Framemaker (mif), das MemoQ ebenfalls bearbeiten kann).
  • deutsche Lokalisierung und Auto-Update-Funktion (kommt beides mit der aktuellen Version 2.2)
  • ein wunder Punkt ist die von Microsoft Word in MemoQ eingebundene Rechtschreibprüfung, die arg langsam ist. Den Entwicklern ist das Problem bekannt und eine Lösung ist anvisiert.
  • Unterstützung für StarOffice/OpenOffice (dafür gibt es bislang nur ein umständliches Workaround)
  • Die Installationsroutine muss zuerst entzippt werden (wie bei DVX). Kein Problem für 99% aller Nutzer, grundsätzlich, diese Anforderung könnte aber gerade bei Übersetzern einen großen Teil der Zielgruppe überfordern (kleiner Scherz auf Kosten der Übersetzer).

Für wen ist dieses Tool geeignet?

  • Anfänger, die sich nicht oder nicht sofort mit der Preispolitik anderer Anbieter auseinander setzen mögen
  • Anwender, die häufiger schnellen und effizienten Support brauchen (die Mailingliste ist in Englisch – einer der beiden Chefentwickler spricht aber hervorragend Deutsch…) – Mailinglisten gibt es natürlich auch für einige andere Tools….
  • Fortgeschrittene, die ein weitestgehend flexibles, schnelles CAT-Tool als Ersatz oder in Ergänzung des bisher verwendeten Werkzeugs benutzen wollen, oder denen o.g. Preispolitik langfristig auf den Magen schlägt…

Einiges an MemoQ ist verbesserungswürdig, betrachtet man jedoch – wie bereits erwähnt – den intensiven Dialog der Entwickler mit den Anwendern und die Entwicklungsgeschwindigkeit, kann man diesbezüglich ausgesprochen zuversichtlich sein. Betrachtet man die bislang geringe Resonanz im deutschsprachigen Raum – legt man insbesondere Dr. Google zugrunde – lässt sich MemoQ hierzulande durchaus noch als Geheimtipp bezeichnen. Für meinen Teil kann ich sagen, dass ich MemoQ erwerben und auch in Zukunft einsetzen werde.

Nachtrag: Mehr zu CAT-Tools gibt es hier.

# · 11. November 2007, 20:51 · 1045 Wörter
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