memoQ 2013

Es ist mir von ein paar Tagen aufgefallen, dass ich bislang nur alle drei Jahre einen (allgemeinen) Artikel zu memoQ verfasst habe und es eigentlich jetzt wieder an der Zeit wäre, Lob und Kritik auf den neuesten Stand zu bringen.

Seit dem letzten Eintrag sind mehrere Versionen veröffentlicht worden, nämlich 4.5, 5. 6.0, 6.2 und vor wenigen Wochen memoQ 6.5 (auch bekannt als Version 2013). Zwischen den Funktionen der Version 4.5 und 6.5 liegen dabei Welten. Die wichtigsten Stichpunkte:

  • LiveDocs-Funktion: LiveDocs sind eigene Korpora – neben den TM – in welche externe Dokumente, TMs oder bilinguale Dateien eingebunden werden können, einschließlich einer Alignment-Funktion. Sie ist damit ideal für Kunden, die ein- oder zweisprachige Dateien als Referenz bereitstellen, die Qualität der Quellen jedoch unbekannt oder fragwürdig ist. Bei der Anzeige der Matches ist natürlich ersichtlich, ob ein Treffer aus einem TM oder aus den LiveDocs herrührt.
  • Terminologie-Extrahierung: Diese Funktion wurde bereits hier beschrieben.
  • Track changes und kaskadierende Filter (z. B. bei HTML in Excel-Dokumenten)
  • Nicht mehr wegzudenken: Autovervollständigung im Editor (und zwar bereits ab dem 1. TM- und TB-Eintrag)
  • Import/Export von Worddokumenten auch bei nicht installiertem MS-Office-Paket
  • einstellbare Internetsuche (‘Web Search’): Begriffe oder Phrasen können markiert werden, um dann (per Tastenkombination)
  • direkter Import & Export von Trados- und Transitpaketen: Es ist ja nicht so, als ob es ein Problem wäre, Trados-Pakete ohne Trados zu öffnen, aber es ist schon eine ziemliche Erleichterung, diesen Weg nehmen zu können.
  • Musen: Ähnlich wie AutoSuggest bei Trados werden dem Benutzer beim Tippen Wortvorschläge unterbreitet, ohne dass die entsprechenden Begriffe in der Teminologiedatenbank oder als erkanntes Fragment enthalten wären.
  • Fuzzy Terms: Mit dieser Funktion werden auch “unscharfe” Treffer aus der TB angezeigt. Kann man brauchen, ist sogar teilweise sinnvoll, muss aber mit Bedacht verwendet werden. So wird bei der Einstellung Fuzzy für den Begriff compatibilité auch der Term bzw. die Übersetzung von incompatibilité angezeigt. Diese Probleme lassen sich aber mit einfachen Möglichkeiten zur Feinjustierung beheben.

Kommen wir jetzt zur Kritik:

  • Kommentarfunktion: Mit der Kommentarfunktion lassen sich kurze Anmerkungen für das eigene bzw. das externe Korrekturlesen oder aber als Feedback an den Kunden sehr einfach einfügen. Bis Version 6.2 war das Eingabe- und Bearbeitungsfeld simpel, aber überaus funktional gestaltet. Das änderte sich mit Version 6.5 und führte zu manchen verärgerten Reaktionen. Sehr viele Übersetzer werden die neue Funktion schlicht nicht benötigen. Immerhin hat Kilgray inzwischen nachgebessert. Die Kommentareingabe wurde im Vergleich zu 6.2 sogar erleichtert, während das Bearbeiten oder Löschen eines Kommentars (für das es keine Tastaturkombination gibt) mithilfe eines Mausschubsers immer noch umständlich ist.
  • Web Search ist sinnvoll, aber verbesserungswürdig. Es basiert auf dem Internet Explorer, was immerhin nicht mehr ähnliche seelische Schmerzen verursacht wie es noch vor zehn Jahren der Fall gewesen wäre. Ärgerlich und umständlich ist, dass der Aufruf dieser Funktion den Fokus der Tastatur auf ein 2. Fenster verschiebt. Der Weg zurück mit Alt-Tab (je nach Windows-Konfiguration ein Rätselraten zwischen zwei memoQ-Symbolen) ist ebenso umständlich wie der wiederholte Griff zur Maus. Zudem werden die verschiedenen Quellen unterschiedslos aufgerufen. Ich habe nur wenige Möglichkeiten, eine weitere Quelle (ohne Wechsel des Suchprofils) “spontan” zu aktivieren oder zu deaktivieren, ohne das gesamte Suchprofil zu ändern, von lokalen Programmen (Duden Office-Bibliothek) oder Datenbanken ganz zu schweigen. Auch vor diesem Hintergrund wäre eine alternative Lösung (mit Webkit o. ä.), die dem Programmierer und dem Benutzer mehr Möglichkeiten eröffnet, wünschenswert gewesen. Da ginge noch mehr. Wer memoQ unter Crossover nutzt (ja, das geht), ist bei dieser Funktion mit einem Uraltbrowser unterwegs, was entsprechende Hinweise oder Probleme nach sich ziehen kann.
  • Das Öffnen der übersetzten Dokumente ist ja an sich eine intelligente Sache, v. a. wenn es um die zweisprachige Tabellenansicht geht. Leider kann man die Dateiformate nicht auswählen, die geöffnet werden sollen (bzw. bestimmte Dateiformate wie z. B. ttx, sdlxliff oder idml lassen sich bei dieser Funktion nicht ausschließen). In der Praxis bedeutet das, dass nach erfolgreichem Export einer sdlxliff-Datei Trados 2009/2011 startet oder – wenn Windows derjenigen Dateiendung keine Standardanwendung zugeordnet hat – dass eine Fehlermeldung angezeigt wird. Wer die zweisprachige Tabelle automatisch geöffnet haben möchte (ein verständlicher Wunsch), muss leider damit leben, dass auch zweisprachige Word-Dateien automatisch angezeigt werden (immerhin ein inzwischen sehr seltenes Format).
  • Keine Exportprofile verfügbar. Während man bereits seit frühen Versionen (zumindest 2.2) den Exportpfad bestimmen kann, ist es nicht möglich, bestimmte Profile festzulegen, um z. B. immer eine unkomprimierte mqxliff-Datei zu speichern (und nicht dreimal klicken zu müssen) oder meinetwegen die zweisprachige Tabelle immer ohne gesperrte Zeilen zu exportieren. Wünschenswert könnte es zudem sein, alternative Programme zur Standardanwendung unter Windows angeben zu können.
  • Versteckte Funktionen – und somit auch Möglichkeiten – gibt es in memoQ zuhauf. Mittlerweile wäre es wünschenswert, etwas mehr Übersicht zu bekommen und einen zentralen Zugriff auf alle Optionen zu ermöglichen. Die Ressourcenkonsole ist ein positiver Schritt in eine ähnliche Richtung.
  • Eine peinliche Kleinigkeit findet sich im Vorschaufenster. Ist keine Vorschau verfügbar, erklärt hier ein kurzer Text, warum dies der Fall ist. Die deutsche Übersetzung ist in stilistischer Hinsicht jedoch eher suboptimal. Genau das sollte und dürfte einem CAT-Hersteller nicht passieren (ich habe Kilgray bereits darauf hingewiesen). Übrigens können seit Version 2013 in diesem Fenster alternativ auch QA-Hinweise oder Kommentare angezeigt werden.

Diese Kritikpunkte sind allerdings Krittelei auf relativ hohem Niveau. Es sind Punkte, die den täglichen Arbeitsablauf hier und dort leicht behindern (oder nicht einmal das), jedoch nicht grundsätzlich in Frage oder gar auf den Kopf stellen. Ein positiver Aspekt der letzten Jahre ist zudem, dass Kilgray durchweg aktiv auf Kritik reagiert und/oder bestimmte Entscheidungen erklärt und rechtfertigt.

Wenn man die Ankündigungen zu SDL Trados Studio 2014 liest, braucht sich memoQ 2013 jedenfalls nicht zu verstecken. Im Gegenteil.

# · 15. August 2013, 10:47 · 971 Wörter
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