memoQ 2014 R2

Es ist immer ein Kreuz mit den Versionsbezeichnungen beliebter Programme. Werden diese nämlich mit der Jahreszahl verknüpft, so kann es einerseits passieren, dass die Version schnell veraltet „klingt“ – wer will im Jahr 2015 schon mit einem 2014-er Programm arbeiten? – und dass andererseits die nächste Programmversion im gleichen Jahr sich namentlich schon unterscheiden sollte. Kilgray geht schon seit letztem Jahr bei memoQ den Weg, die zweite Version mit dem Kürzel R2 zu versehen (ein Schelm, wer dabei an R2-D2 denkt), auch wenn Version 2014 R2 erst Ende November veröffentlicht wurde.

Aber nichts für ungut – vor rund vier Monaten ist diese Version eben erschienen und hat einige neue Funktionen auf den Weg gebracht. Die augenfälligste Änderung ist das Menüleistenband – neudeutsch auch Ribbon genannt. Dieses Band, das in Office oder in Trados Studio bereits Einzug gehalten hatte, ist nach Arbeitsabläufen strukturiert (wenn auch in Einzelfällen nicht immer logisch): Projekte, Dokumente, Vorbereitung, Übersetzung, Überprüfung, Bearbeiten, Ansicht und Schnellzugriff. Hinzu kommt eine Schnellzugriffsleiste ähnlich wie bei Office. Für diese Strukturierung würde sich der geneigte Benutzer vielleicht etwas mehr Redundanz wünschen – und natürlich die Möglichkeit, die Leisten nach eigenem Geschmack zu verändern (bzw. im Notfall auch wieder zurücksetzen zu können). Am störendsten ist wohl, dass die Rechtschreibprüfung unter der Registerkarte ‚Übersetzung‘ zu finden ist. Die Meinungen über diese Leiste mögen auseinandergehen, die Lernkurve ist dennoch sehr steil. Anders ausgedrückt: Man gewöhnt sich schnell daran.

Eine weitere, für den Freelancer sehr interessante (und bereits mit Version 2014 eingeführte) Möglichkeit ist die Automatisierung von Arbeitsabläufen. Das geschieht mit selbst definierten Projektvorlagen, mit denen meinen Projekten z. B. bestimmte Namen zugewiesen werden (der als Variablen beispielsweise Kundenname, Fachbereich und Datum enthält) und automatisch bestimmte TMs und TBs zugeordnet werden, Abläufe wie die Vorübersetzung automatisch erfolgen und genauso nach Abschluss des Projekts bestimmte Dateitypen (ein- oder zweisprachig) erstellt werden, ohne selber Hand anlegen zu müssen. Diese Abläufe können zu verschiedenen Zeitpunkten eingefügt werden – bei Erstellung des Projekts, vor oder nach dem (erneuten) Import eines Dokuments, nach Abschluss des Projekts oder bei Entfernung eines Dokuments.

Der neue TM-Editor wartet mit einer ganzen Reihe neuer Funktionen auf. Dazu gehören die Ersetzung von Metadaten, das Filtern und Sortieren der TM-Einträge, oder die Markierung bestimmter Segmente. Ebenso ist ein einfacherer Editor für die Segmentierungsregeln mit an Bord.

Als weitere Option können jetzt auch SDL WorldServer-Pakete importiert und als Rücksende-Pakete ausgeliefert werden.

Bereits mit Version 2014 waren verschiedene, sehr interessante Funktionen eingeführt worden:

  • nahtlose Übersetzung eingebetteter Bilder und Dateien/Objekte (zum Beispiel Excel-Tabellen in PowerPoint-Präsentationen)
  • ein Filter für Photoshop-Dateien
  • Umbenennen von Projekten und Ressourcen
  • Warnung bei einem bereits in der Terminologie-Datenbank enthaltenen Begriff
  • eine Vorschaufunktion auch für sogenannte Ansichten (das sind die virtuell zusammengefügten Dokumente innerhalb eines Projekts)
  • flexibleres Tag-Management
  • Terminologie-Import aus Trados- und Transit-Projekten
  • Integration der Grammatikprüfung aus Microsoft Word
  • einfacheres Entfernen von Duplikaten aus TMs und TBs
  • neue tabellarische Übersicht der Dokumente in der Projektzentrale (mit Angabe des Pfads usw.)
  • Segmentierung “on the fly” – damit können problematische Segmentierungen bereits während des Übersetzungsprozesses angepasst werden
  • Aufzeichnen der Bearbeitungszeit

Hinzu kommt eine engere Verzahnung mit Language Terminal, einem cloud-ähnlichen Dienst von Kilgray. Damit können auch Benutzer der Einzelplatzversion verschiedene Aufgaben ein eigenes Projektmanagement umsetzen.
Language Terminal bietet immerhin eine kostenlose Konvertierung von InDesign-Dateien. Es ist davon auszugehen, dass Kilgray dieses Cloud-Angebot deutlich ausbauen wird.

Für die Server-und PM-Version gibt es übrigens viele weitere Funktionen, die mit den beiden 2014er-Version eingeführt wurden. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch interessant, dass es mit der neuen Version nur noch eine Art von Online-Projekten gibt.

Kritikpunkte

Auch diese Version weist einige unrunde Kleinigkeiten auf, an denen sich vortrefflich mäkeln lässt.

  • Wie oben bereits angemahnt – die Menübandleiste sollte angepasst werden können und zugleich eine Rückstellungsoption bieten.
  • Beim Import einer einsprachigen Korrektur des Zieltextes – eines der Alleinstellungsmerkmale von memoQ – muss das Dokument geschlossen sein, andernfalls wird ein Dialogfenster geöffnet, das eben darauf hinweist. Warum dieses Dialogfenster nicht – wie bei anderen Funktionen des Programms – die Option anbietet, das Dokument zu schließen, ist ein sehr, sehr kleines, aber leider beständiges Ärgernis.
  • Die Projektvorlagen sind eine feine Sache, man wünscht sich nur – getreu dem „Kleiner-Finger-ganze-Hand“-Prinzip – dann natürlich noch ein paar Optionen mehr.

Quintessenz

Mit jeder Version sattelt memoQ die eine oder andere sinnvolle Funktion auf. Nicht jedes Mal der ganz große Wurf, aber es geht stetig & zügig voran und die Änderungen und Erweiterungen sind immer sinnvoll genug, um ein Upgrade durchzuführen. Zumal der Anwender froh ist, sich nicht völlig umstellen zu müssen – eine gewisse Kontinuität also gegeben ist (zur Verunsicherung reichen dann schon Kleinigkeiten wie die Menübandleiste).

Auch weiterhin gehören der ausgesprochen problemlose Betrieb und die umfassenden Möglichkeiten der Interoperabilität zu den wichtigsten Alleinstellungsmerkmalen von memoQ. Beispiel: Während ein memoQ-Anwender keine Probleme hat, Studio-Dateien oder -Pakete zu bearbeiten, ist das umgekehrt derzeit fast ein Drama, auch weil SDL diesen Dateitypen offiziell nur mithilfe einer Open-Exchange-Erweiterung bearbeiten kann (inoffiziell – aber legal und auch technisch sauber – gibt es natürlich einfachere Wege). Ganz zu schweigen von Transit-P’aketen (tja, manchmal müssen Trados-Anwender halt ganz, ganz tapfer sein).

Ein Schwerpunkt der Entwicklung liegt derzeit auf der Server-Version, die einem Freelancer nur bedingt zugute kommt. Allerdings gibt es bereits den Versuch, die Lücke zwischen Freelancer- und Server-Version zu schließen, denn nicht wenige Kollegen lagern einen Teil ihrer Arbeit (zumindest den, bei dem sie muttersprachlich nicht qualifiziert sind) aus, und die Server-Version bietet wirklich einige Vorteile.

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# · 2. April 2015, 12:23 · 976 Wörter
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