Dirk Niebel und die Wikipedia

Wie verhält es sich in der Wikipedia eigentlich mit Personen der Zeitgeschichte? Nehmen wir einmal eine so eminente Persönlichkeit wie den aktuellen Generalsekretär der FDP. Der heißt Dirk Niebel, und tatsächlich gibt es eine entsprechende Wikipedia-Seite. In der aktuellen Version gibt es den folgenden Abschnitt unter der Überschrift Vorwürfe:

Niebel wird gelegentlich vorgeworfen, seine Arbeit und Parteiinteressen miteinander verquickt zu haben. Das berichtet etwa die Welt am Sonntag am 24. Juli 2005 ([1]) unter Verweis auf “alte Vorwürfe”. Wie die Welt am Sonntag berichtet, habe die damalige “Bundesanstalt für Arbeit” ihrem Mitarbeiter per Weisung untersagt, in Wahlkampfanschreiben im Wahlkreis 178 Heidelberg-Schwetzingen unter das Logo der FDP die dienstlichen Telefon- und Faxnummern zu drucken. Der Streit sei damals eskaliert und in einer Disziplinarverfügung (13. Mai 1996) gemündet. Der Dienstherr habe seinem Angestellten einen Verstoß gegen das “außerdienstliche Wohlverhalten” vorgeworfen, da dieser auf Wahlkampfveranstaltungen die Auflösung von Landesarbeitsämtern gefordert habe. Das Bundesdisziplinargericht stellte im Januar 1997 ein Verfahren gegen Dirk Niebel ein. Niebel habe sich zu den Vorwürfen nicht geäußert, sondern auf seinen Rechtsanwalt verwiesen, berichtet die WamS.

Der Abschnitt, der scheinbar zuerst unter der Überschrift Skandale stand, wurde mehrfach kommentarlos gelöscht, bis eine E-Mail von der FDP bei der Wikipedia eintraf (siehe Diskussion). Der Artikel wurde für die weitere Bearbeitung vorerst gesperrt. Festzuhalten bleibt:

  • Der Abschnitt, so wie er oben steht, ist nicht wirklich sachlich, und der betreffende Artikel ist nicht gut zusammengefasst. Die Formulierungen, es würde gelegentlich vorgeworfen, oder etwa “So berichtet etwa” suggerieren, es gäbe eine ganze Reihe von Quellen, von denen eine zitiert werde. Dabei scheint es nur einen einzigen Artikel der WamS vom 24. Juli 2005 zu geben, der dieses Sujet aufgreift.
  • Eine neuere, sachlichere Variante des zitierten Textes wurde inzwischen auf der Diskussionsseite vorgestellt. Das Prinzip Wikipedia funktioniert.
  • Dirk Niebel betreibt miserabelste Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache. Alternativ zur tumben Löschung hätte er seine Referenten beauftragen sollen, den Artikel – nicht nur den fraglichen Abschnitt – sachlich aufzuarbeiten, mit weiteren Fakten der Vita aufzuwarten, so dass der fragliche Hinweis zu einer kaum wahrzunehmenden Facette geworden wäre. Oder war Herr Niebel erst das eine Mal in der Zeitung? Nie Interviews gegeben? Es geht nicht darum, seinen Lebenslauf schönzureden, sondern ihn ausführlicher darzustellen und den politischen Menschen Niebel darzustellen (der Hinweis auf die Fallschirmjäger ist allerdings in der Tat humorfähig). Ob der Politiker Niebel dabei sympathisch ist oder nicht, bleibt dem Leser überlassen.
  • Wenn man Herrn Niebel nicht so knuddelig findet, muss man sich die Frage gefallen lassen, warum nicht auf andere Medien hingewiesen wird, die das Arbeitsleben oder die Politik des Herrn Niebel positiv oder negativ bewerten. Warum sollen nicht mehr kritische Stimmen zu Wort kommen?
  • Der Vorwurf einer schlechten PR gilt auch für die FDP, der hätte klar sein müssen, dass die zitierte E-Mail natürlich weitere Kreise ziehen würde. Als Partei der Bürgerrechte darf man sich nicht als Spielverderber profilieren, was Meinungsfreiheit angeht.

[Hinweis via I T & W]

# · 21. November 2005, 13:53 · 503 Wörter
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